Was verbindet Sie mit dem Exist-Gründerstipendium?
Ich war als wissenschaftliche Mitarbeiterin direkt in der Gründungsunterstützung bei den beiden EXIST-Gründungsinitiativen an der Bauhaus-Universität Weimar und an der Technischen Universität Dresden tätig. Während dieser Zeit haben wir insbesondere das EXIST-Gründerstipendium genutzt, um gründungsinteressierte Studierende, Absolventinnen und Absolventen sowie Wissenschaftler zu motivieren, ihre innovativen Geschäftsideen in Form einer Unternehmensgründung umzusetzen. Als Gründernetzwerk haben wir die EXIST-Gründerstipendiaten u. a. bei der Antragstellung der Förderprogramme, bei der Businessplanerstellung und bei der Suche nach Kooperatoren und Kapitalgebern unterstützt. Ziel dieser unserer Aktivitäten war es aufzuzeigen, dass die unternehmerische Selbständigkeit eine echte berufliche Alternative zu einem Angestelltenverhältnis sein kann. Seit einem Jahr betreue ich neben der Öffentlichkeitsarbeit für EXIST auch die fördertechnische Umsetzung der EXIST-Gründerstipendien im Bereich Kreativwirtschaft beim Projektträger Jülich im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie.
Was ist Ihr persönlicher Blick auf Entrepreneurship?
Entrepreneurship verlangt eine kreative schöpferische Geisteshaltung und eine Art von „entrepreneurial spirit“, den die Unternehmensgründer und Unternehmer idealerweise mitbringen. Entrepreneure haben meist eine ausgeprägte Motivation, neue Chancen zu nutzen, Marktlücken aufzuspüren und haben den Mut, sich der unternehmerischen Herausforderung zu stellen. Dies impliziert auch ganz spezielle charakterliche Eigenschaften, wie Risikobereitschaft, Kreativität, Offenheit für Neues, eine große Portion Neugier und vor allem den Drang zur Selbstverwirklichung. Zum anderen lässt sich Entrepreneurship auch als Aktivität auffassen und steht in diesem Sinne für Unternehmertum, unternehmerisches Denken und Handeln und das Gründen eines Unternehmens selbst. Für Entrepreneurship existiert im Deutschen kein Äquivalent. Entrepreneurship hat sich in den letzten Jahren als wissenschaftliche Disziplin etabliert, die Zahl der Gründerlehrstühle an den deutschen Hochschulen stark gewachsen, auf mittlerweise 62. Das spielt bei der Ausbildung von Studierenden eine entscheidende Rolle. Die unternehmerischen Fähigkeiten können durch die Ausbildung an den Hochschulen weiter vertieft werden, wie z. B. Ideen in Konzepte einzubinden, interdisziplinär zusammenzuarbeiten, strategisch Problemlösungen zu entwickeln, Marktlücken aufzutun und aber auch schlichtweg ein Unternehmen zu führen und die Bildung von Unternehmenskultur positiv zu beeinflussen. Im Mittelpunkt dieser Ausbildungsmaßnahmen steht die Entwicklung von Gründerpersönlichkeiten. Ich bin jeden Tag aufs Neue begeistert, wie viel kreatives Potenzial es an unseren Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Deutschland gibt. Tagtäglich bekommen wir sehr viele Anfragen von Interessierten, die neue Geschäftsideen in unterschiedlichster Ausprägung und in den verschiedensten Bereichen umsetzen möchten und noch eine Frühphasenfinanzierung benötigen, um loslegen zu können.
Was ist das Exist-Gründerstipendium und für wen kommt es in Frage?
EXIST-Gründerstipendium ist ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie und wird als nicht rückzahlbarer Zuschuss ausgezahlt. Studierende, Absolventen und wissenschaftliche Mitarbeiter von deutschen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen können maximal ein Jahr durch die Sicherung ihres Lebensunterhalts mit einem Stipendium gefördert werden. Finanziert werden je nach Graduierung bis zu 2.500 Euro Personalkosten monatlich, für maximal drei Personen, und bis zu 17.000 Euro Sachmittel, die zur Umsetzung des Unternehmens benötigt werden, sowie 5.000 Euro für Coaching. Voraussetzung ist eine innovative Geschäftsidee für ein neues Produkt oder eine neue Dienstleistung mit wissensbasierten oder technologieorientierten Charakter. EXIST-Gründerstipendium ist ein wichtiges Instrument zur Motivation und Finanzierung von Personen mit innovativen Geschäftsideen. Angehende Unternehmensgründer können damit das finanzielle Risiko bei einer Unternehmensgründung sehr gering halten – der Lebensunterhalt wird durch das Stipendium getragen. Außerdem werden die geförderten Stipendiaten während ihres gesamten Gründungsprozesses kostenlos durch Gründernetzwerke an den Hochschulen betreut und bei der Erstellung der Businesspläne unterstützt. Das Spektrum der Förderung erstreckt sich z. B. über neue E-Commerce-Plattformen, neue Softwareanwendungen, ein Gerät zur Detektion von Sprengstoffen in Flüssigkeiten, bis hin zu Genanalysen von Tieren oder Verfahren zur Erzeugung von Schokoladenüberzogenem Trockenobst. Das Spektrum ist sehr breit und sehr vielschichtig.
Wer finanziert das Stipendium?
Das EXIST-Gründerstipendium ist ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie und wird mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds kofinanziert. Die finanziellen Mittel hierfür werden durch die Bundesregierung im Rahmen der Hightech-Strategie für Deutschland bereitgestellt.
Werden die Stipendiaten untereinander vernetzt?
Im Rahmen von EXIST werden die Stipendiaten zu Seminaren „Gründerpersönlichkeit“ und eingeladen, bei denen sie sich austauschen können. Durch die Gründernetzwerke an den Hochschulen vor Ort finden regelmäßige Gründertreffen statt, bei denen die Stipendiaten Erfahrungen austauschen können. Zusätzlich treffen sich die Stipendiaten zu branchenspezifischen Investorenforen. Die Stipendiaten tauschen sich zusätzlich über Internetforen aus, die sie in Eigenregie und meist Themen bezogen führen.
Wie viele Stipendien wurden schon vergeben und was sind die Erfahrungswerte damit, d.h. wie viele wachsen zu echten Unternehmungen heran?
Bis heute wurden genau 447 EXIST-Gründerstipendien von 747 gestellten Anträgen bewilligt. Die meisten Stipendien kamen aus den deutschen Universitäten und wurden größtenteils von wissenschaftlichen Mitarbeitern oder Absolventen beantragt. Ergebnis unserer kontinuierlichen Befragungen der ehemals geförderten Stipendiaten ist, dass nach Auslaufen der Förderung ca. 60% der gegründeten Unternehmen noch am Markt sind. Dabei ist nicht außer Acht zu lassen, dass einige der geförderten Stipendiaten die unternehmerische Selbständigkeit nur mittelfristig niederlegen, um zu einem späteren Zeitpunkt, die unternehmerische Selbständigkeit fortzuführen. In diesem einen Jahr der Förderung werden viele wichtige Erfahrungen gesammelt, die auch einer späteren Unternehmensgründung zu Gute kommen können.
Wie kann man sich über das Gründer-Stipendium informieren?
Empfehlenswert ist, sich zuerst über unsere Website www.exist.de zu informieren. Hier sind alle relevanten Informationen zur Förderung sowie downloadbare Antragsunterlagen und erfolgreiche Gründerbeispiele aufgeführt. Vor der Antragstellung ist unbedingt ein Gründernetzwerk zu konsultieren, mit dem die innovative Geschäftsidee diskutiert wird und die weiteren Schritte zur Antragstellung besprochen werden können.
Wie schnell läuft die Entscheidung über die Vergabe ab?
In der Regel dauert es durchschnittlich drei Monate vom Tag der Einreichung aller notwendigen Antragsunterlagen bis zum Tag der Zusendung des Zuwendungsbescheids.
Können Sie sagen, wie viele Stipendien im Moment in Berlin ansässig sind?
Durch die hohe Konzentration an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Berlin sind im deutschlandweiten Vergleich eine hohe Anzahl von EXIST-Gründerstipendien aus Berlin. Gefördert werden derzeit 77 EXIST-Gründerstipendien mit zwei bis drei Personen. Da Berlin aber auch ein attraktiver Standort für Start-ups ist, lassen sich viele der geförderten EXIST-Unternehmen hier nieder.
Welchen Rat würden Sie einem Gründungswilligem mit auf den Weg geben?
Den Mut aufbringen, die eigenen Ideen zu verwirklichen, mit anderen Personen darüber zu diskutieren, Kritiken anzunehmen und umzusetzen sowie eine große Portion Hartnäckigkeit, um potenzielle Kunden, Kooperationspartner und Kapitalgeber davon zu überzeugen. Dabei ist es von großer Bedeutung, die Geschäftsidee für Branchen ferne Personen verständlich zu machen.
Können Sie ein Buch oder eine Website empfehlen?
Hams Emge, Wie werde ich Unternehmer? Peter Hammer Verlag
Vielen Dank für das interessante Interview.